Philip Schütz - Untitled

analoge Fotografie, Digitaldruck auf Alu Dibond
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Am Anfang dieser Arbeit stand ein Foto. Es war Einladung, Inspiration und Aufforderung für den Call for Photography 2020, der von Dezember bis Februar ausgeschrieben war. 11 Arbeiten von 12 Fotograf*innen wurden ausgewählt und werden monatlich in der smallest gallery gezeigt. 

 

Graz, 29. März 2020

Ich muss zugeben, es fällt mir aufgrund der jüngsten Ereignisse schwer, einen passenden Begleittext für das auszustellende Bild in der smallest gallery zu schreiben.

Meine Gedanken sind betäubt vom Schrecken, der in den letzten Wochen Einzug in unseren Alltag gehalten und diesen grundlegend verändert hat. Die bedrohlich auftürmenden Wolkengebilde schienen zuvor noch in weiter Ferne, doch mittlerweile auch unseren Horizont bestimmend, verbreiten sich diese nun in Windeseile über den gesamten Globus.

Die Menschheit steht vor einer unfassbaren Aufgabe, die sie nur als Gemeinschaft wird bestehen können. Auch die weitreichenden Folgen dieser Pandemie sind noch von ungeahnter Natur. Das Unheilbringende scheint in diesen Tagen jedoch zu überwiegen. Aber wie alles Verderbliche vermag auch diese Krankheit Heilsames hervorzubringen.

Schon jetzt wird klar, welchen Herausforderungen wir als Gesellschaft nicht gewachsen sind. Angewiesen auf den Import, haben wir etwa die Eigenständigkeit verloren, unsere Äcker selbst zu bestellen. Nicht einmal die Herstellung einfachster Materialien, wie den begehrten Masken, liegt innerhalb unseres Machbaren. Die Externalisierung fordert jetzt zum Teil schon einen hohen Preis. Aber auch die weltweiten Einsparungen am öffentlichen Gesundheitswesen erweisen sich spätestens jetzt als fatale Fehlentscheidungen. Nicht zuletzt möchte ich den Sozialbereich erwähnen, der aufgrund der schlechten Bezahlung auf billige Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen ist. Es lassen sich wahrscheinlich an diesem Punkt angelangt noch weitere Antagonismen nennen, deren Tragweite uns so noch nicht ins Bewusstsein gerückt waren.

Aber was hat das alles mit dem Bild zu tun? Nun ja, gar nichts und doch sehr viel. In einer globalisierten, merkantil geprägten Welt gelingt es uns die natürlichen Formen der Dinge und deren Ursprung zu ignorieren, um sie vereinheitlicht an einem Ort zu wissen. Paprika, Tomate und krumme Banane, werden auf rechteckige Plastiktassen gesetzt, mit Klarsichtfolie eingewickelt und schließlich mit einem Strichcode versehen. Der Apfel wird zum Produkt und Natur zum quantifizierbaren Gut. Kilo, Quadratkilometer, Kubik, Barrel, Tonnen sind nur einige Wertangaben die wir verwenden, wenn uns der Naturbegriff abhanden kommt und wir vermeintlich von einem legitimen Abbau von Rohstoffen sprechen. Die Kehrseite zeigt sich, wenn wir mit dem Auto ins Grüne fahren oder einen schönen Sonnenuntergang auf Instagram posten. Natur als willkommenes Freizeitangebot oder bunter Kitsch? Die aktuelle Krise bietet jedenfalls einen Anlass, über die eine oder andere Frage nachzudenken.

Liebe Grüße, Philip

 

 

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